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Für Chinesischlernende stellt vor allem die aktive Verwendung der Satzendpartikeln (SEP) eines der größten Grammatikprobleme des modernen Chinesischen dar. Denn man stellt als Chinesischlernender zwar früh fest, daß die SEP von Muttersprachlern vor allem auf umgangssprachlicher Ebene mit hoher Häufigkeit verwendet werden, kann aber mangels Vergleichsmöglichkeit innerhalb der europäischen Sprachen ihre Funktionsweisen kaum einschätzen und zunächst keine anderen Richtlinien für ihre Verwendung erkennen als das vielzitierte Sprachgefühl.

In den Lehrbüchern des modernen Chinesischen werden vor allem die semantischen und kommunikativen Funktionen der SEP in der Regel nicht oder nur am Rande berücksichtigt, so daß sich die meisten Chinesischlernenden auch nach längerem Studium des Chinesischen beim Umgang mit den SEP unsicher fühlen. Dies ist um so fataler, als eine falsche Verwendung bzw. ein gänzliches Fehlen der SEP besonders in der gesprochenen Sprache von Muttersprachlern als sehr störend empfunden wird, obwohl z. B. bei der SEP le dadurch in den wenigsten Fällen tatsächlich 'ungrammatische' Sätze entstehen.

Bei der SEP le (le2) kommt erschwerend hinzu, daß sie eine größere Vielfalt an semantischen Funktionen erfüllen kann als die meisten anderen SEP und daß sie durch ihre Homonymie zu dem Aspektsuffix le (le1) in manchen syntaktischen Positionen nur schwer zu identifizieren ist. Diese besonderen Eigenschaften der SEP le unterstreichen die Notwendigkeit, ihre verschiedenen syntaktischen und semantischen Funktionen zu untersuchen und in verständlicher Weise darzustellen.

Die theoretische Grundlage für die vorliegende Arbeit wird hauptsächlich von traditionellen didaktischen Grammatikwerken in chinesischer Sprache gebildet. Eines der wichtigsten Werke ist dabei LIU/PAN/GU (1983), aus dem, sofern nicht anders vermerkt, alle chinesischsprachigen Bezeichnungen übernommen werden. Die deutschsprachigen Bezeichnungen werden, wenn nicht anders gekennzeichnet, von KUPFER (1979) übernommen. Analog zu der Vorgehensweise in den obengenannten Hauptquellen werden diachronische und diatopische Aspekte im Zusammenhang mit den SEP weitgehend ausgeklammert. Die allein verbindliche sprachliche Grundlage bildet die offizielle Landessprache Chinas, die Putonghua. In der "Anweisung des Staatsrates zur Verbreitung der Putonghua" (Erstveröffentlichung in der Renmin Ribao (Volkszeitung) vom 06.02.56) steht sinngemäß:

1. Die Aussprache von Beijing diene als Standardaussprache.

2. Das Nordchinesische diene als Basis-Regionalsprache.

3. Die in moderner Umgangssprache geschriebene exemplarische Literatur diene als grammatische Norm. (Vgl. WANG Shouchun (1986, 282)).

Die Tatsache, daß Einzelaufsätze, Magister- und Doktorarbeiten zu le2 nur in sehr begrenzter Zahl zu beschaffen waren, obwohl mehrere einschlägige Institute und Professoren im In- und Ausland zu diesem Zwecke angeschrieben wurden, bewirkte die schon erwähnte Überzahl an didaktischen Grammatikwerken in chinesischer Sprache innerhalb der verwendeten Literatur. Diese Quellenlage hat sich wiederum auf Anlage und Ausrichtung der vorliegenden Arbeit ausgewirkt.

Entgegen der allgemeinen Tendenz in wissenschaftlichen Arbeiten auf diesem Gebiet, eine spezifische Fragestellung sehr intensiv zu behandeln und damit 'nur' die Fachwelt anzusprechen, soll hier durch eine extensive Behandlung der SEP im allgemeinen und von le2 im besonderen das Ziel erreicht werden, dem Leser einen möglichst großen Überblick über Probleme und verschiedene Ansätze bei der Beschreibung der Wortart der SEP, vor allem von le2, zu vermitteln. Aufbau und Argumentation sollen dabei so transparent sein, daß auch interessierte NichtSinologen einen Einblick in dieses Gebiet der chinesischen Grammatik gewinnen können.

Kapitel 1 soll als einleitendes Kapitel zeigen, wo die SEP innerhalb des traditionellen Systems der chinesischen Wortklassen angesiedelt sind und mit welchen Problemen eine solche Einordnung verbunden ist. Dabei soll zunächst kurz auf die verschiedenen Kriterien für die Einteilung der chinesischen Wortklassen eingegangen werden, bevor die Wortarten der chinesischen Grammatiktradition in einer Übersicht dargestellt und die verschiedenen Partikeln vorgestellt werden, zu denen ja auch die SEP traditionellerweise gezählt werden. Es wird sich zeigen, daß der Status der Partikeln im System der chinesischen Wortarten sehr problematisch ist. Da dieses Kapitel auf möglichst kleinem Raum eine allgemeine theoretische Grundlage für die folgenden Kapitel liefern soll, wird darin auf die Illustration einzelner Sachverhalte durch Beispielsätze weitgehend verzichtet.

In Kapitel 2 sollen die syntaktischen und semantischen Funktionen der wichtigsten SEP dargestellt werden. Dabei soll die modusspezifizierende Funktion der SEP im Vordergrund stehen. Die Voraussetzung zur Behandlung dieser zentralen Funktion der SEP soll durch die Klärung der Begriffe "Modalität" und "yuqi" und durch die Auswahl eines für das Chinesische sinnvollen Systems von Satzmodi geschaffen werden.

Das Zentrum der gesamten Arbeit soll Kapitel 3 bilden. Darin soll auf den Vorarbeiten der ersten beiden Kapitel aufgebaut werden und le2, als die komplexeste der chinesischen SEP, mit ihrer beinahe undurchdringlichen Vielfalt an syntaktischen Eigenschaften, semantischen Funktionen und pragmatischen Implikationen exemplarisch dargestellt werden. Dies geschieht anhand von einer großen Anzahl von Beispielsätzen, durch die das Gesagte nachvollziehbar werden soll. Eine Trennung der genannten Beschreibungsebenen soll dieses umfangreiche Kapitel so übersichtlich wie möglich gestalten. Die Fragen der Pragmatik im Zusammenhang mit le2 können aufgrund der oben beschriebenen Quellenlage weniger stark berücksichtigt werden, als zu wünschen wäre.

Das abschließende Kapitel 4 soll anhand von ausgewählten Übersetzungen von le2-Sätzen ins Deutsche kurz auf Möglichkeiten der kontrastiven Untersuchung im Zusammenhang mit le2 hingewiesen werden. Im Anhang werden die wichtigen Partikeln, Präpositionen und Suffixe angeführt und ganz kurz erläutert.

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